Expertenmeinung: Übergangsmanagement Schule -Beruf für Hauptschüler

Nur jedem zehnten Hauptschüler gelingt der direkte Übergang von der Schule in eine ungeförderte Ausbildung. Was geschieht mit den verbleibenden neun?

Viele verbringen mehr oder weniger nutzlos Zeit in teuren "Warteschleifen" oder besuchen weiterführende Schulen - allerdings leider allzu oft, ohne dabei ihre Chancen auf einen erfolgreichen Einstieg in den  Arbeitsmarkt deutlich zu erhöhen. Dafür fehlt den meisten der direkte Kontakt zur Wirtschaft, der einerseits die tatsächlich bestehenden Anforderungen deutlich machen würde, und andererseits extrem motivierend sein kann.

Wo sehen Sie die größten Defizite der Hauptschüler beim Übergang in den Arbeitsmarkt?

Das größte Defizit ist sicherlich das Defizitdenken selbst. Das Gefühl, einer Restschule anzugehören, wirkt sich gravierend auf die Jugendlichen aus. Es fehlt ihnen an Zukunftsperspektiven, Selbstvertrauen, Optimismus und damit auch an der Übernahme von Eigenverantwortung. Hier muss gezielt an den Stärken gearbeitet werden, die jeder Jugendliche fraglos mitbringt. Aufgrund der geringen Motivation, aber auch durch eine fehlende Förderung, bestehen zudem Schwierigkeiten mit grundlegenden Kompetenzen wie Lesen, Schreiben und Rechnen.

Gleichzeitig beobachten wir, dass bei den heutigen Schulabgängern die im Arbeitsleben immer bedeutsamer werdenden überfachlichen Kompetenzen wie beispielsweise Teamfähigkeit, eine angemessene Sprache, der konstruktive Umgang mit Konflikten oder eine hohe Lernbereitschaft immer weniger gut ausgeprägt sind. Das Ergebnis ist der viel beschriebene Rückgang der Ausbildungsreife.

Was kann für eine bessere Integration dieser Jugendlichen ins Berufsleben getan werden?

Bereits heute suchen manche Branchen händeringend Nachwuchs, der demografische Wandel wird dies noch verstärken. Damit wir aber alle Talente ausschöpfen können, müssen alle Verantwortlichen an einem Strang ziehen: Berufsorientierung braucht in der Schule ein Gesicht. Die Schüler benötigen feste Ansprechpartner, die sie anleiten, motivieren und unterstützen. Die Lehrerinnen und Lehrer müssen jedoch von dieser Aufgabe entlastet werden, damit sie sich ihrem eigentlichen Bildungsauftrag widmen können.

Wer kann dabei helfen?

Vor allem die Unternehmen müssen wieder Zutrauen zu Hauptschülern gewinnen, ihnen Ausbildungsplätze oder Praktika anbieten und durch Projektarbeit die Wirtschaft im Schulalltag erlebbar machen. Die Politik und lokale Netzwerke sollten die Integration von Jugendlichen ins Berufsleben vor Ort stärker zum Thema machen und mit der BA und den kom munalen Stellen verbindlich zusammenarbeiten. Und auch die Eltern haben eine bedeutsame Funktion als Vorbilder, die es einzubinden gilt. Es gibt also für alle Beteiligten eine Möglichkeit, an einer Verbesserung der Situation mitzuarbeiten.
Viele Schulen, Agenturen für Arbeit und Kommunen bieten doch bereits diverse Maßnahmen zur Berufsorientierung an. Offensichtlich reicht das noch nicht aus, um die Jugendlichen besser auf die Arbeitswelt vorzubereiten?

Das ist richtig. Es wird viel getan und vieles ist auch gut. Viel zu vieles läuft allerdings unabgestimmt nebeneinander her oder ist bei denen, die es eigentlich nutzen sollen, völlig unbekannt. Häufig jagt ein Modellprojekt das nächste. Geht ein Projekt zu Ende, sterben mit ihm auch die gewonnenen Erfahrungen.

Es fehlt an regionalen Zielen und Standards, die ein konzertiertes Vorgehen möglich machen würden. Darüber hinaus gibt es noch zu wenig Kooperation auf gleicher Augenhöhe: Werden Missstände benannt, fühlt sich sofort jemand auf den Schlips getreten. Hilfreicher wäre es, gemeinsam mit anderen zu überlegen, was verbessert werden kann. Und es fehlt an Wissen darüber, was mit den Schülerinnen und Schülern eigentlich passiert, wenn sie die Schule verlassen haben. Ohne dieses Wissen sind wirksame Gegenstrategien aber nicht möglich. Wir brauchen also eine Transparenz der Unterstützungsangebote, die dauerhafte Umsetzung der besten Modellprojekte im Schulalltag, ein professionelles Monitoring der Aktivitäten, eine umfassende Evaluation sowie ein neues Lernen aus den Ergebnissen.

Worin sehen Sie die besonderen Erfolgsfaktoren des systematischen Übergangsmanagements, wie es z. B. in der Metropolregion Rhein-Neckar praktiziert wird? Was ist notwendig, damit Berufsorientierungsprojekte Resultate zeigen?

Erstens: Es kann nicht früh genug mit einer altersgerechten Berufsorientierung und Förderung gestartet werden. Spätestens in Klasse 7 sollten kontinuierliche, sich ergänzende und aufeinander aufbauende Bausteine Eingang in den Schulalltag finden. Anschluss- nicht Abschlussorientierung steht als Ziel an oberster Stelle!

Zweitens: Wir müssen die Jugendlichen über ihre Stärken und Potenziale aktivieren und sie dadurch in ihrer Eigenverantwortung stützen. Die Stärken gilt es frühzeitig und altersgerecht zu identifizieren. Daran müssen die Schüler mit Hilfe ihrer Lehrer, aber auch mit der Unterstützung von Coachs und den Eltern systematisch arbeiten.

Drittens: Wirtschaft muss bereits in der Schule erlebbar sein. Dadurch lernen sich Schüler und Unternehmen bereits frühzeitig kennen. Dies motiviert die Jugendlichen, und seitens der Unternehmen werden so der Erfahrung nach auch mehr Ausbildungs- und Praktikumsplätze angeboten.

Aber die Einbindung der Wirtschaft allein ist nicht ausreichend. Ein Übergangsmanagement braucht das abgestimmte Zusammenwirken von Schulen, Unternehmen, Arbeitsagenturen, Eltern, Bildungsträgern, Ehrenamtlichen und Schulträgern, um die Hauptschüler nachhaltig ins Berufleben integrieren und ihre Ausbildungs- und Berufsreife sichern zu können.

Welche Kernbestandteile sollte ein systematisches Übergangsmanagement aufweisen, um Schüler optimal auf ihrem Weg in den Arbeitsmarkt zu begleiten?

Unserer Auffassung nach bedarf es kluger Verfahren, die Talente, Neigungen und Eignungen von Jugendlichen altersgerecht erfassen helfen und als Basis für eine berufliche Orientierung sowie eine gezielte Förderung dienen. Dann braucht es "Kümmerer", die den Schülern als vertrauensvolle Ansprechpartner in Fragen der Berufsorientierung zur Seite und wenn nötig auch einmal auf dem Fuß stehen.

Wichtig ist zudem die Transparenz von Erfolgen und Misserfolgen: Es muss nicht nur bekannt sein, welche Unterstützungsbausteine regional verfügbar sind, sondern auch, wie gut und wie wirtschaftlich sie sind.

Genauso müssen wir wissen, wo der einzelne Schüler gerade in seiner Berufsorientierung steht, welche Praktika er gemacht hat, an welchen Stärken er gezielt arbeiten kann und wie erfolgreich er im Klassenverband ist. Und wir müssen wissen, wie gut die einzelne Schule in der Berufsorientierung und der Vermittlung in Ausbildung und Beschäftigung ist. Dazu gehört auch, zu prüfen, wie dauerhaft ein Übergang von der Schule in den Beruf tatsächlich gelungen ist. Wir müssen das System Schule im Verbund mit seinen lokalen Partnern zu einem lernenden System machen. Computergestützte Monitoring-Systeme können dabei helfen.

Wie können Übergangsprojekte neu etabliert werden? Wer muss zuerst die Initiative ergreifen? Die Politik oder die Schulen?

Wer letzten Endes die Initiative ergreift, spielt keine Rolle. Das kann die Politik sein oder aber eine einzelne Schule, ein Unternehmernetzwerk oder jeder andere Treiber. Wichtig ist, dass sich alle, die sich vor Ort in der Berufsorientierung von Jugendlichen engagieren, einbringen können und dies verbindlich vereinbaren.

Wie können die verschiedenen Akteure am besten zusammenarbeiten?

Am besten wird an einen runden Tisch eingeladen, um das Vorhaben gemeinsam in Angriff zu nehmen. Alle, die man braucht, sollten von Anfang an mit ins Boot geholt werden. Dabei können nicht alle aufkommenden Fragen sofort geklärt werden, aber man muss miteinander ins Tun kommen und dann gemeinsam erste Erfolge feiern.

Das wichtigste ist ein Geist der Kooperation: Alle müssen sehen, dass sie gemeinsam besser vorankommen, statt sich gegenseitig Vorwürfe zu machen und den Zeigefinger zu heben. Dafür werden eine konsequente Steuerung der Aktivitäten sowie die Rückendeckung und Motivation durch prominente Vertreter aus Politik und Wirtschaft benötigt. Allen Beteiligten müssen klare Rollen und Aufgaben zugewiesen werden.

Essenziell ist zudem das Wissen über die Instrumente, die nachweislich am besten funktionieren. Es kann durch eine professionelle Beratung gewonnen werden. So werden Erfolge schnell sichtbar und die Zusammenarbeit gelingt auch auf Dauer.
 

Unser Experte

Jochen Tscheulin
Geschäftsführer, IFOK GmbH
Jochen Tscheulin, Geschäftsführer der Strategieberatung IFOK, ist Experte für den Aufbau von Kooperationsnetzwerken und die Entwicklung lernender Organisationen in Wirtschaft und Gesellschaft. IFOK hat im Rahmen der Initiative für Beschäftigung! zahlreiche Projekte zum besseren Übergang von der Schule in den Beruf begleitet und war wesentlich an der Entwicklung des Kooperativen Übergangsmanagements
Schule - Beruf (KÜM) in der Metropolregion Rhein-Neckar beteiligt.
www.ifok.de
www.initiative-fuer-beschaeftigung.de/  

Erfolge

Kooperatives Übergangsmanagement Schule - Beruf in der Metropolregion Rhein-Neckar (KÜM)
KÜM zielt darauf an, Jugendliche auf ihrem Weg zum erfolgreichen Hauptschulabschluss zu begleiten und ihnen danach einen direkten Anschluss ins Arbeitsleben zu ermöglichen. Gelingen soll dies durch die gesteuerte Zusammenarbeit von Schule, Wirtschaft, Trägern und der Bundesagentur für Arbeit. Die 3-Phasen- Berufsorientierung des geva-instituts ist ein wichtiger Bestandteil. mehr